Warum du dies laut vorlesen solltest.

Lautes Vorlesen bringt Freude, Trost und ein Gefühl der Zugehörigkeit.

In einer Welt, die immer schneller wird und oft von digitaler Kommunikation dominiert ist, könnte man meinen, dass das laute Vorlesen von Texten ein überholtes Konzept ist. Doch eine genauere Betrachtung zeigt: Lautes Vorlesen ist weit mehr als nur eine Technik, um Worte zu begreifen – es ist ein Akt der Verbindung, der Freude, des Trostes und des Zugehörigkeitsgefühls. Und das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für uns Erwachsene.

Studien, wie die von Sam Duncan, einer Forscherin für Erwachsenenliteracy am University College London, zeigen, dass viele von uns – ohne es vielleicht bewusst zu merken – das laute Vorlesen regelmäßig in unser Leben integrieren. Ihre Forschung belegt, dass mehr als 500 Menschen aus ganz Großbritannien, die an ihrer Studie teilnahmen, oft zugeben mussten, dass sie regelmäßig laut vorlesen, auch wenn sie dies anfangs verneinten. Man liest laut vor, um sich mit Texten auseinanderzusetzen, um ihre Bedeutung zu entschlüsseln oder einfach, um den Rhythmus und den Fluss von Sprache zu spüren.

Aber warum tun wir das? Warum lesen wir laut vor, wenn wir doch alle in der Lage sind, still zu lesen? Eine der zentralen Erkenntnisse von Duncan: Lautes Vorlesen bringt Freude und Trost. Es ist eine Möglichkeit, sich mit anderen zu verbinden, sich etwas vorzulesen, sei es ein lustiger Text, ein Gedicht oder eine Nachricht. Es schafft Nähe und lässt uns Momente der Verbindung erleben, die wir sonst vielleicht übersehen würden.

Ein Beispiel aus Duncans Forschung zeigt, wie kraftvoll diese Praxis sein kann: Menschen lasen für kranke oder sterbende Freunde vor, als ein Akt des gemeinsamen Erlebens, eine Möglichkeit, sich zusammen auf eine andere Weise zu begegnen. Eine Frau erinnerte sich daran, wie ihre Mutter ihr Gedichte auf Walisisch vorlas – und nachdem diese verstorben war, begann sie, selbst wieder walisische Gedichte laut vorzulesen, um die Erinnerung und das Gefühl der Verbundenheit lebendig zu halten.

Diese Praxis des lauten Vorlesens schafft nicht nur eine tiefere Verbindung zwischen Menschen, sondern auch zu den eigenen Emotionen und Gedanken. Ein Tamilisch sprechender Mann, der in London lebt, las seiner Frau regelmäßig christliche Texte auf Tamil vor. Auf den Shetlandinseln gab es eine Dichterin, die Gedichte im lokalen Dialekt laut vorlas – sowohl für sich selbst als auch für andere. In all diesen Geschichten sehen wir ein wiederkehrendes Muster: Lautes Vorlesen schafft Intimität, es bietet einen Raum, in dem Menschen gemeinsam etwas erleben, sei es die Freude an einem lustigen Text oder der Trost in schwierigen Zeiten.

Es ist diese Art der Nähe, die uns als Menschen verbindet. In einer Gesellschaft, die oft von Anonymität und schnellen, oberflächlichen Interaktionen geprägt ist, bietet das laute Vorlesen einen wertvollen Raum für echte Begegnung. Beim lauten Vorlesen schenken wir einander unsere Zeit, unsere Stimme und unsere Aufmerksamkeit – etwas, das in der hektischen Welt von heute besonders wertvoll ist.

Und es geht noch weiter: Lautes Vorlesen fördert das Verständnis von Texten und hilft uns, den Inhalt besser zu erfassen, sei es ein komplexer Vertrag, eine dichte wissenschaftliche Abhandlung oder sogar eine Ikea-Anleitung. Manche Menschen lesen laut vor, um schwierige Passagen zu entschlüsseln – es geht nicht nur darum, zu verstehen, sondern auch darum, den Text in einem langsamen, durchdachten Tempo zu durchdringen.

Deshalb sollte das laute Vorlesen nicht nur als eine Kindheitsaktivität oder eine Praxis der Vergangenheit gesehen werden. Es ist ein wertvolles Werkzeug, das uns Erwachsenen genauso Freude, Trost und Zugehörigkeit bringen kann. Es ist ein Ausdruck von Gemeinschaft und Nähe – und vielleicht auch ein kleiner Rückzugsort inmitten der lauten Welt, die uns umgibt.

In der Praxis des lauten Vorlesens steckt also mehr, als wir auf den ersten Blick erkennen. Es ist ein Akt des Gebens und Empfangens, der uns alle miteinander verbindet und uns daran erinnert, dass echte Begegnung oft durch die einfachsten Gesten entsteht. Wenn du also das nächste Mal einen Text liest – warum nicht mal laut vorlesen? Vielleicht wirst du feststellen, dass dabei mehr geschieht, als du dir je vorgestellt hast.